Erfurt und die Qualzucht

Der mdr bringt einen Artikel zur bevorstehenden Internationalen Rassehundeausstellung des VDH Thüringen in Erfurt – und selbstverständlich geht es nur um das Thema Qualzucht.

Dr. Ulrich Kreis, Amtsveterinär, ist entschlossen, das Auftreten von Hunden mit Qualzuchtmerkmalen bei dieser Ausstellung gemäß §10 der neuen Tierschutz-Hundeverordnung vom 25.11.2021 zu bekämpfen, denn seiner Ansicht nach “hatten einige Hunde in der Vergangenheit eindeutige Merkmale aufgewiesen“. Deshalb hat er eine lange Liste mit Qualzuchtmerkmalen aufgestellt – die überwiegende Mehrzahl davon verborgene Qualzuchtmerkmale – und ein tierärztliches Attest mit dem Nachweis umfangreicher Untersuchungen zur Voraussetzung gemacht, dass Hunde dort ausgestellt oder auch nur von Besuchern mitgebracht werden dürfen.

Genau genommen müssen also Besucher mit Hunden nicht nur ein paar Euro Eintrittsgeld berappen, sondern zuvor oft hunderte (!) von Euro für Untersuchungen auf Qualzucht auslegen, um eine Verkaufsausstellung zu besuchen, wo man dem lieben Schatz ein neues Bett und Knabberzeug kaufen  und sich über Futtersorten und Spielzeug informieren kann. Der Siberian Husky muss zur Gonioskopie, weil Glaukome in der Gesamtpopulation vorgekommen sind. Obwohl längst klar ist, dass die Gonioskopie nicht sonderlich sinnvoll zur Früherkennung  dieser Krankheit ist, weil es weit mehr Ursachen für den erhöhten Augeninnendruck gibt als ein mehr oder weniger verengter Kammerwinkel. Merle-Aussies und -Collies, Chinese Crested, Mops und Frenchie müssen sowieso leider draußen bleiben. 

Ihr Ernst, Herr Dr. Kreis?

Gilt das eigentlich nur für Rassehunde? Denn Mischlinge sind ja keine “Zucht” und schon gar keine “Überzüchtung”, wie der Volksmund zu wissen glaubt, und damit automatisch immer viel gesünder. Wirklich? Es gibt überhaupt keine belastbaren Daten oder gar Studien zu dieser Frage – also Hörensagen.

(Nebenbei bemerkt: Der Messe Erfurt, Hotellerie und Gastronomie entgehen Umsätze, weil einige tausend Aussteller aus Deutschland und aller Welt ja untergebracht und bewirtet werden wollen – aber egal! Es geht schließlich um Qualzucht!)

Herr Dr. Kreis begründet seine drakonischen Maßnahmen mit Beobachtungen: “Wir müssen leider feststellen, dass die Zuchtverbände in den vergangenen Jahren nur im Ausnahmefall wirklich durchgreifende und erfolgreiche Maßnahmen zur Beseitigung dieser erblichen Probleme ergriffen und umgesetzt haben. Systematische Untersuchungen und Ausschluss von Merkmalsträgern aus der Zucht blieben aus.” So Herr Dr. Kreis gegenüber Medienvertretern. Der Bericht zeigt das Bild einer Englischen Bulldogge – eine Rasse, die in Deutschland unter dem Dach des VDH nur unter extrem strengen Auflagen gezüchtet werden darf.

Die englische Bulldogge, die sich übrigens in der Werbung und TV-Studios großer Beliebtheit erfreut, muss in der VDH-Zucht bei der Überprüfung der Gesundheit Röntgenuntersuchungen der Hüfte und der Luftröhre, die Ultraschalluntersuchung des Herzens und einen Belastungstest bestehen, bevor eine Zuchtzulassung erteilt werden kann. Das hat allerdings zur Folge, dass 2012 nur 8 Welpen bei VDH-Züchtern aufgezogen wurden. Das Bild, was man bei einem Spaziergang durch die Innenstädte unserer Großstädte gewinnt, wirft aber die Frage auf, wo kommen diese Bulldogs alle her; wurde die Gesundheit deren Eltern auch so genau unter die Lupe genommen? (Quelle)

Und hier kommen wir zum Kern des Problems: Der VDH verlangt von seinen Rassehundeclubs inzwischen seit Jahrzehnten, dass diese die Tiergesundheit an erste Stelle ihrer Arbeit setzen. Die Gesundheit ist ebenso wichtig wie der sogenannte Rassestandard, der den Hund in seiner Funktion und dem daraus geprägten Äußeren beschreibt.

Klar, wie in jedem Zusammenschluss von Menschen gibt es auch hier Schwarze Schafe und Dummköpfe, aber die Mehrheit derjenigen, die sich den Tort antun, einen Rassehundezwinger unter dem Dach eines Clubs, des VDH und der FCI aufzubauen, sind verantwortungsvolle Menschen, die ihre Hunde narrisch lieben, beim Abschied von ihren Welpen mehr leiden als die Hündin, sich danach sehnen und oft sehr hart dafür arbeiten, einen guten Kontakt zu den Familien ihrer Welpen zu halten und, ja!, die  sich fleißig weiterbilden, ihre Einrichtungen ständig erneuern und verbessern – Fazit: die ein Schweinegeld dafür auslegen, diesem “Hobby” zu frönen. Denn bei aller Liebe: Die tatsächliche Arbeit darf man nicht unter die Kosten schlagen. Der eigene Einsatz ist Herzblut.

Leider glaubt uns das keiner. Die Öffentlichkeit – gefüttert von Medien und NGOs – hält uns meistens für ehrgeizige und habgierige Tierquäler.

Welpenaufzucht ist ein Fulltimejob über zwei bis drei Monate. Die Kleinen müssen versorgt, die Hündin betreut werden. Neben einem Fulltimejob kann das verdammt anstrengend werden! Nach zwei Monaten hat man beim Sauberhalten zig (!) Kilogramm Hundekot beseitigt, um das Welpenzimmer und den Auslauf sauber und die Kleinen gesund zu halten – während der Nachbar die Häufchen seines Fifis noch nie vom Boden aufgehoben hat. Whataboutism? Echt jetzt?

Es geht also um Qualzucht. Mal ganz im Ernst: Unsereiner muss als Züchter seine Hunde einigen Untersuchungen auf mögliche Erkrankungen unterziehen, bevor sie überhaupt zur Zucht zugelassen werden können. Der Züchter, der einen vielversprechenden Welpen behält oder kauft, geht das Risiko ein, dass dieser Welpe am Ende überhaupt nicht zuchttauglich ist. Bei vielen Rassen ist dieses Risiko sogar sehr hoch, die Menge der zu absolvierenden Untersuchungen groß und die Kosten schmerzhaft.

Aber geht schließlich um Qualzucht. – Wirklich?

Der Anteil der Hunde aus VDH-Zuchten an der Gesamtpopulation liegt je nach Rasse zwischen  1 und 15 %. Wir, die wir uns (wissenschaftlich überprüfte) Regeln auferlegen, damit die nächste Welpengeneration mindestens ebenso gesund ist wie die letzte, sind die Minderheit!

Lieber Herr Dr. Kreis, wer Qualzucht verhindern will, muss:

  1. einreisende Kleintransporter auf illegalen Import von Welpen checken (Aufgabe des Veterinäramtes Erfurt: Überwachung von Tiertransporten). Diese Tiere stammen aus “puppy mills” im umliegenden, meist östlichen Ausland. Dort fristen ihr Dasein fristen in winzigen Käfigen ohne jede Pflege und müssen von frühester Jugend an bis zu drei Würfe im Jahr absetzen, die meist kaum 5, 6 Wochen alt in Deutschland verscherbelt werden; solch eine als Gebärmaschine missbrauchte Hündin verreckt irgendwann in diesem Dreck, landet auf dem Müll und wird einfach durch die nächste viel zu junge Hündin ersetzt.
  2. Hinterhofzuchten kontrollieren und gegebenenfalls auflösen (Aufgabe des Veterinäramtes Erfurt: Überwachung der Einhaltung tierschutzrechtlicher Bestimmungen bei landwirtschaftlichen, gewerblichen und privaten Tierhaltern), die sich gerne als “liebevolle Hobbyzuchten” ausgeben, weil die als Gebärmaschinen missbrauchten Hündinnen wenigstens 2 qm zur Verfügung haben – ansonsten Zustände wie unter 1.
  3. den Welpenverkauf in Tiergeschäften beenden, wo Welpen, deren Herkunft kaum besser ist als wie unter 1. und 2. beschrieben, hinter Glas auf Käufer warten (in Deutschland dank der Selbstverpflichtung des zoologischen Handels nur noch selten, im angrenzenden Ausland weit verbreitet).
  4. den Auslandstierschutz stärker überwachen; denn hier tummelt sich neben wirklich wohltätigen Vereinen ein Heer krimineller Banden, die die Resterampe der Welpenproduktion und gestohlene Tiere teuer an ahnungslose deutsche Tierliebhaber verscherbeln.
  5. eine allgemeine Pflicht zur Kennzeichnung und Registrierung von Kleintieren wie Hund und Katze sowie eine Impfpflicht gegen Tollwut einführen. Denn so können Herkunftsnachweise erbracht werden bzw. das Fehlen eines solchen, was misstrauisch machen sollte. Die Kontrolle kann mühelos über Tierärzte und vorhandene Datenbanken und Registrierungsdienste erfolgen. Ein kleiner Posten auf der Tierarztrechnung zum routinemäßigen Auslesen des Chips tut niemandem weh – da wird uns an der Tankstelle beileibe mehr abverlangt! Kein gutgläubiger Halter müsste kriminalisiert werden – stattdessen bekämen wir endlich belastbare Daten darüber, wie viele Hunde und Katzen aus welcher Zuchtform stammen, und welche Zuchtformen welche Krankheitsmerkmale aufweisen.

Denn viele im oben verlinkten Artikel nicht angegebene, aber vom Herrn Dr. Kreis als Qualzuchtmerkmale behauptete Eigenschaften (z.B. das Merle-Gen, das Gen für Haarlosigkeit usw.usf.) sind im richtigen, kontrollierten Zuchteinsatz keine. Die Datengrundlage, die hier und andernorts gegen Rassehundeausstellungen des VDH zum Einsatz kommt, ist nach über 20 Jahren in weiten Teilen wissenschaftlich längst widerlegt. Die sogenannte Qualzucht-Evidenz-Datenbank ist eine private Sammlung ohne echte wissenschaftliche Grundlage, sondern danach ausgewählt, wie man die Tierzucht durch Pauschalvorwürfe beschädigen kann. Und die einzige wissenschaftliche Arbeit ist veraltet und bezieht sich auf den Genpool des nordamerikanischen Kontinents. Ihre Relevanz für Deutschland ist extrem dürftig.

Trotzdem: Anstatt sich mit einer großen Gemeinschaft von weit überwiegend sehr verantwortungsvollen Züchtern zusammenzutun, die wissenschaftlich basierte Zuchtstrategien einsetzt und ihre Mitglieder zu Fortbildungen verpflichtet mit dem Ziel, gesunde Vertreter ihrer Rasse zu züchten, drischt man auf diese ein – nur weil man ihrer leicht habhaft werden kann.

Und lässt die wirklichen Qualzüchter munter weiter Geschäfte machen.

Nur ein Hinweis: Allein im Jahr 2018 wurden weit über 10.000 Französische Bulldoggen bei TASSO neu registriert – unter dem Dach des VDH wurden im selben Jahr 153 (!) Welpen unter kontrollierten Bedingungen in VDH-Zuchten geboren.

Und woher kommen die anderen mindestens 9.874? Ganz zu schweigen davon, dass viele Hunde nicht bei TASSO, sondern bei Findefix, und eine unbekannte Zahl überhaupt nicht tegistriert wird…

Aber der Herr Kreis hat ja die Schuldigen gefunden.

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Siberian Huskies of Kahnawake