Wir müssen reden!

Die ersten größeren Rassenhundeausstellungen dieses Jahres, die vom VDH durchgeführt werden, ersticken im Chaos von Voraussetzungen, die Aussteller berücksichtigen müssen. Für die Frühjahrsausstellungen in Dortmund und die nach Neuss verlegte German Winner müssen zahllose, oft nutzlose und belastende Untersuchungen durchgeführt werden, um Hunde überhaupt melden zu dürfen. Verantwortlich für die Durchführung der reformierten Tierschutz-Hundeverordnung sind die Veterinärämter. Und die drehten zunächst einmal die Beweispflicht um: Anstelle der Unschuldsvermutung gilt der Grundsatz, Rassehundezucht pauschal mit Qualzucht gleichzusetzen und die Halter zu verpflichten, auf eigene Kosten mit oft belastenden Untersuchungen (von Blutabnahmen bis hin zu Narkosen) das Gegenteil zu beweisen.

Die Welt der Hundefreunde ist in Aufruhr. Viele Tierschützer jubeln, die Freunde der kontrollierten Rassehundezucht sind wütend und entsetzt, dass gerade sie drangsaliert werden, während “Puppy Mills” und kriminelle Hundehändler ungestört ihren Geschäften nachgehen können. Den Aussagen einiger Amtsveterinäre zufolge liegt die Schuld für die Qualzucht in Rassehundezucht und Ausstellungswesen, und auch etliche Tierärzte blasen angesichts zunehmender Patienten mit brachyzephalem Syndrom ins selbe Horn.

Das ist eine verwegene These angesichts der tatsächlichen Verhältnisse unter den in Deutschland gehaltenen Hunden.  Denn die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache.

Französische Bulldoggen gehören seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Hunderassen. Zwischen 12.000 und 14.000 dieser Hunde werden jährlich allein bei der Registrierungsdatenbank  TASSO gemeldet – aber in den vom VDH betreuten Rassehundeclubs, bei denen viele tiermedizinische Untersuchungen (u.a. auch zum brachyzephalen Syndrom) Voraussetzung für eine Zulassung zur Zucht sind, wurden laut Welpenstatistik des VDH im selben Zeitraum nur in zwei Jahren mehr als 300 Welpen geboren. Das ist weniger als 3 % der Gesamtpopulation.

Beim Chihuahua ist die Zahl der Registrierungen bei TASSO etwas niedriger als beim Frenchie. Aber auch hier zeigt die Welpenstatistik des VDH nicht einmal tausend Welpen pro Jahr an, d.h. weniger als 10 % der Gesamtpopulation.

Beim Mops, der es bei TASSO immer mal wieder unter die “Top 20” schafft, weist die Welpenstatistik des VDH seit 2014 sinkende Geburtenzahlen an – mehr als 1000 waren es nie, und 2020 lag die Zahl bei 251. Auch hier ist anzunehmen, dass die Hunde aus VDH-Zucht eine ziemlich kleine Minderheit in der Gesamtpopulation darstellen. 

Aber woher kommen die abertausenden Welpen?

Zugleich wird von einigen Tierärzten das häufige Vorkommen von quälenden Atemproblemen bei den heiß begehrten Hündchen mit Kindchenschema darauf zurückgeführt, dass solche Hunde bei Rassenhundeausstellungen besonders erfolgreich seien.

Aber schauen die Hundekäufer tatsächlich auf Ausstellungserfolge?

Da die überwältigende Mehrheit der Käufer von brachyzephalen Hunden gar nicht bei Züchtern kauft, die von zum VDH gehörenden Rassehundeclubs betreut und kontrolliert werden, löst sich dieser Vorwurf schlicht in Luft auf. Eine einfachere Erklärung wird gar nicht erst in Erwägung gezogen: Die Welpenproduzenten produzieren, was gefragt ist – und gefragt sind seit Jahrzehnten sehr stark kleine Hunde mit Kindchenschema. Also wird genau das bedient! 

Ich bestreite gar nicht, dass es auch aus VDH-Zuchten Hunde mit brachyzephalem Syndrom gibt. Aber einfach mal den Stab zu brechen über alle Rassehundezüchter, die sich bei ihrer Arbeit kontrollieren lassen, arbeitet nur denen zu, die sich einen Scheißdreck darum kümmern, ob die Tiere gesund sind, genug zu essen und zu trinken bekommen, ausreichend Platz, Bewegung und rassegerechte Beschäftigung haben, Sozialkontakte oder irgendetwas anderes, was Tierschutzgesetz und Tierschutz-Hundeverordnung in Deutschland verlangen. Die Informationen, die 4 Pfoten im Rahmen der “Wühltischwelpen”-Kampagne, zutage förderte, waren erschütternd, das Ergebnis brachte allerdings kein Ende des Handels mit “Rassehunden” unbekannter Herkunft, sondern massive Preiserhöhungen und eine Verstärkung der betrügerischen Tätigkeiten auf dem schwarzen Tiermarkt, um erfolgreich Seriosität vorzutäuschen.

Warum ich immer wieder darauf herumreite?

Die Tierschutz-Hundeverordnung hat zum Ziel, Hunde mit sogenannten “Qualzuchtmerkmalen” durch ein (auf alle Arten von Wettbewerben erweitertes) Ausstellungsverbot (§10 TierSchHuV) aus der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen.

Kurze Zwischenfrage: Warum wird eigentlich kein Verbot ausgesprochen, Hunden mit Qualzuchtmerkmalen zum Zweck der Werbung, Illustration oder Unterhaltung einzusetzen? Das ist eine wesentlich weitreichendere Öffentlichkeit als Rassehundeausstellungen, Jagdprüfungen, Agilityturniere und andere Veranstaltungen im Hundesport.

Diese Maßnahme betrifft, wie oben dargestellt, eine sehr kleine Minderheit der Gesamtpopulation – und ausgerechnet diejenigen, die sich Maßnahmen zur bestmöglichen Erhaltung und Förderung der Gesundheit einer Rasse unterwerfen.

Den Löwenanteil der Anbieter, Puppy Mills und Welpenschwarzmarkt, in irgendeiner Form an ihrem Treiben zu hindern, wird als Verursacher der “Qualzucht” in den zuständigen Ministerien und in vielen Veterinärämtern offenbar überhaupt nicht Erwägung gezogen.

Es ist halt schlichtweg einfacher, auf Personen abzuzielen, die sich mit Namen und Adresse bei Veranstaltungen anmelden, sodass man sie auf dem Servierteller präsentiert bekommt – ganz im Gegensatz zur mühseligen und fruchtlosen Jagd auf die anonymen Schatten von Anbietern auf den diversen Online-Plattformen, die sich hinter einer Vielzahl nicht identifizierbarer Profile verstecken, damit man nicht sieht, wie groß das Angebot des Hundehändlers tatsächlich ist.

Und all das, obwohl es seit dem 12. Februar 2020 einen vom Europäischen Parlament mit großer Mehrheit angenommenen Entschließungsantrag des Ausschusses für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gibt, der zur Bekämpfung dieses Schwarzmarkts u.a. die Kennzeichnung und Registrierung von allen Hunden und Katzen in der EU fordert:

Das Europäische Parlament

[…]

2.  betont, dass ein harmonisiertes, EU-weites System zur obligatorischen Identifizierung und Registrierung von Katzen und Hunden ein wichtiger und notwendiger erster Schritt bei der Bekämpfung des illegalen Handels mit Heimtieren ist und dass die Registrierung und Identifizierung grundlegende Voraussetzungen für die Kontrolle, Durchsetzung und Rückverfolgbarkeit sind;

3.  hält es für wesentlich, Heimtiere von einem Tierarzt mit einem Mikrochip ausstatten zu lassen und in ein nationales Verzeichnis zur Identifizierung und Registrierung von Tieren einzutragen, damit ihre Rückverfolgbarkeit gewährleistet ist; hält es für dringend geboten, dass in diesen Verzeichnissen die Registrierungsnummern aller Personen aufgeführt werden, die im Leben des Tieres eine Rolle gespielt haben, einschließlich der Züchter, Verkäufer, Tierärzte, Transportunternehmen und Eigentümer;

4.  fordert die Kommission nachdrücklich auf, ihre delegierten Befugnisse gemäß Artikel 109 Absatz 2 und Artikel 118 des Tiergesundheitsrechts voll auszuschöpfen und einen Vorschlag für ausführliche, EU-weite und kompatible Systeme für die Mittel und Methoden zur Identifizierung und Registrierung von Katzen und Hunden vorzulegen und dabei ein Minimum an Pflichtinformationen für die Identifizierung einzelner Tiere vorzugeben und Vorschriften für den Austausch elektronischer Daten zwischen den Datenbanken in den Mitgliedstaaten, die spätestens zum Ende der laufenden Wahlperiode miteinander verknüpft sein sollten, zu erlassen;

5.  fordert eine eindeutige Verknüpfung zwischen dem EU-Heimtierausweis und der Registrierung des Mikrochips für Heimtiere, damit die Herkunft des Heimtiers auch dann rückverfolgbar bleibt, wenn der Heimtierausweis neu ausgestellt wird;

6.  fordert die Mitgliedstaaten auf, eine Politik zu betreiben, die darauf abzielt, Missbrauch von Tieren zu bekämpfen, indem alle Katzen und Hunde standardmäßig gekennzeichnet und registriert werden;

7.  betont, dass die Informationen, die zur Identifizierung von Heimtieren erhoben werden, auch personenbezogene Daten umfassen müssen und unter strikter Achtung der Bestimmungen der EU zum Schutz der Privatsphäre und zum Datenschutz geschützt werden sollten; ist der Auffassung, dass derartige personenbezogene Daten nicht zu kommerziellen Zwecken jeglicher Art verwendet werden sollten;

[…]. (Quelle)

Wir müssen reden, liebe Politiker (m/w/d) und Beamte (m/w/d) im BMEL!

Denn wir Züchter unter dem Dach des VDH dürfen nach den Statuten unserer Rassehundezuchtvereine keinen Hund in fremde Hände geben, der nicht eindeutig gekennzeichnet ist. Wir übergeben unsere Welpen und erwachsenen Hunde nur mit  mindestens der ersten Impfung und dem blauen EU-Heimtierausweis, in dem der Transponder dokumentiert ist, und mit einer Ahnentafel, auf der ebenfalls die Transpondernummer ausgewiesen ist. Häufig ist als erster Besitzer der Züchter im blauen EU-Heimtierausweis eingetragen. Zumindest ist der Züchter mit allen zur Identifikation notwendigen personenbezogenen Daten in der Ahnentafel eingetragen. Eine Rückverfolgung bis in die Ur-Urgroßelterngeneration muss (außer bei Registerpapieren) gewährleistet sein. Wir sind außerdem gehalten, die Käufer unserer Welpen dringlich auf eine Registrierung bei einer der bekannten Registrierungsdatenbanken für Haus- und Heimtiere hinzuweisen. Viele von uns übernehmen diese Registrierung sogar selbst!

Wir tun bereits, was das EU-Parlament den Regierungen der Mitgliedsstaaten durchzusetzen auferlegt hat!

Und nicht nur in dieser Hinsicht, liebe Politiker (m/w/d) und Amtsveterinäre (m/w/d): Was die Hundegesundheit angeht sind es der VDH und die ihm angeschlossenen Rassezuchtvereine, die in Zusammenarbeit mit veterinärmedizinischer Universitäten, Forschungseinrichtungen und Kliniken die Maßstäbe setzen für veterinärmedizinische Untersuchungen als Voraussetzungen für einen Zuchteinsatz – über unseren Verband hinaus.

Wir haben die weltweit strengsten Regeln hinsichtlich Tierschutz und Gesundheit sowohl für die Haltung als auch beim Zuchteinsatz. 

Wir müssen reden!

Und Sie, liebe Politiker (m/w/d), sollten dann nicht einfach nur die Hände ihrer Gäste schütteln und nette Fotos machen lassen, sondern endlich zuhören! Denn WIR (und nicht irgendwelche Netzwerke oder Nichtregierungsorganisationen!) sind Ihre Partner beim Erhalt und der Verbesserung der Hundegesundheit.

Und gemeinsam mit den Tierschutzverbänden – wenn das denn jemals möglich werden sollte – sind WIR Ihre Partner bei der Bekämpfung der Puppy Mills und des Hundeschwarzmarkts.

Wir sind nicht das Problem, sondern wir sind Teil der Lösung!

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