Qualzucht und Verantwortung

Melanie Boeff vom NDR hat eine umfangreiche und wirklich sehenswerte Reportage über die Situation der Brachyzephalen (u.a. Mops, Französische Bulldogge) in Deutschland gemacht, zu der sie u.a. auch den deutschlandweit bekannten Tierarzt Dr. Ralph Rückert aus Ulm befragt hat. Zur schwierigen Situation der Brachyzephalen gibt es sehr viel zu sagen, und diese Reportage ist ein wichtiger Beitrag, um gerade bei denen, die sich für einen Mops, eine Französische oder Englische Buldogge oder ähnliche Hunde interessieren, mehr Sensibilität für die gesundheitlichen Probleme dieser Rassen zu generieren. Also anschauen!

Trotzdem habe ich ein paar gravierende Kritikpunkte an dieser Reportage:

Die Suche nach den Schuldigen

Frau Boeff hat sich an den VDH als wichtigste Vertretung von Hundezüchtern in Deutschland gewandt. Aber der VDH ist als Dachverband in rassespezifischen Fragen nicht zuständig. Zuständig sind die einzelnen Rassehundezuchtverbände wie z.B. im Falle des Mopses der Deutsche Mopsclub, der Club für den Mops und der Verband deutscher Kleinhundezüchter (alle unter dem Dach des VDH). Diese Vereine legen den in ihnen organisierten Züchtern Bedingungen für die Haltung, Zucht, Zulassung zur Zucht, Beobachtung gesundheitlicher Probleme der Rasse etc. auf. Frau Boeff hätte sich an die Vorstände dieser Clubs wenden sollen. Dort hätte sie sicher auch eher erfolgreich nachbohren können als beim Pressesprecher eines Dachverbandes. „Hohe Tiere“ sind zwar beliebte Zielgruppen des investigativen Journalismus, aber meist nicht der richtige Ansprechpartner für die Kritik.

Frau Boeff hätte zu ihrem Thema auch die Welpenstatistik des VDH z.B. mit den Neuregistrierungen bei TASSO e.V vergleichen sollen: TASSO meldet für 2018 390.200 neu registrierte Hunde, während der VDH 75.013 Welpen über seine Rassezuchtverbände auflistet – das sind weniger als 20 % der Neuregistrierungen bei TASSO, ohne eine Dunkelziffer nicht registrierter Hunde einzuberechnen! (Üblicherweise nehmen Rassehundezüchter die erste Registrierung ihrer Welpen nach der Implantation des Chips selbst vor.)

Allein schon anhand dieser Zahlen hätte Frau Boeff leicht feststellen können, dass Hunde aus Zuchten unter dem Dach von FCI und VDH den geringeren Teil des Bestandes an Hunden, d.h. auch an den kleinen Brachyzephalen in Deutschland ausmachen. Auch andere Zuchtverbände (die sogenannten Dissidenzvereine) steuern keinen Löwenanteil bei. Auf Nachfrage hätte man ihr sicherlich präzisere Zahlen genannt. Hier wäre auch Vier Pfoten ein sehr guter Ansprechpartner gewesen, anstatt sich auf einen Dachverband zu versteifen und diesem eine maßgebliche Verantwortung für das Massenelend zuzuschieben.

„Rassehund“ bedeutet nicht „reinrassig“

Der Hauptteil der in Deutschland lebenden Hunde sind Mischlinge (laut Registrierungen bei TASSO, leider ohne Prozentanteile oder Zahlen) und stammt meist aus privaten Würfen. Ein sehr großer Anteil der modischen Rassehunde wiederum stammt inzwischen aus einem der einträglichsten schwarzen Märkte Europas, dem Tierhandel. Produziert werden diese Hunde von sogenannten Vermehrern. Darunter versteht man „Züchter“, die eben nicht über einen Rassehundezuchtverein züchten. Darunter mag es so manchen weitgehend „harmlosen“, aber unkontrollierten Betrieb geben, bei denen die Hunde so nebenbei mitlaufen und noch ganz passabel versorgt werden, aber ab der Geschlechtsreife jährlich ihren Wurf bringen müssen. Wir sind uns hoffentlich alle darüber einig, dass das absolut kein wünschenswertes Hundeleben ist!

Doch vielfach werden in Schuppen, Garagen und Kellern Hündinnen in kleinen schmutzigen Käfigen gefangen gehalten, die Wurf um Wurf hervorbringen müssen, bis sie als nutzlos ausrangiert werden. Die meisten dieser „Einrichtungen“ befinden sich im osteuropäischen Ausland, aber längst nicht nur dort! Auch in Deutschland fliegen immer wieder solche „Züchter“ auf, die viel zu junge Welpen gegen relativ kleines Geld an Hundehändler übergeben, die wiederum diese Tiere über grenznahe Märkte z.B. in Polen und Tschechien, aber auch in Frankreich, und über Internetbörsen als „Rassehunde“ verkaufen. Diese Tiere stammen also von genau der Hundemafia, die von der Wühltischwelpen-Initiative bekämpft wird. Die Machenschaften dieser meist bestens organisierten Banden sind eigentlich hinlänglich bekannt. Trotzdem läuft das Geschäft weiterhin wie geschmiert – nur dass die angebotenen „Rassehunde“ teurer geworden sind, weil „billig“ ja ein Warnsignal ist.

Wer einen Mops haben möchte, aber in dem Glauben lebt, dass Züchter, und gerade VDH-Züchter eh nur geldgierig seien, denkt leichtsinnigerweise, Welpen, die in Internetbörsen und auf Tiermärkten angeboten werden, seien reinrassige Hunde. Aber dem ist nicht so. Reinrassig ist keine Bezeichnung für einen bestimmten Typ, sondern beschreibt die Herkunft des Hundes, d.h. alle Bedingungen, unter denen der Hund geboren und aufgezogen wurde, nämlich unter der Kontrolle eines Rassehundezuchtvereins, also mit nachvollziehbarer Abstammung (Ahnentafel!), gesundheitlichen Untersuchungen und einer Zuchtzulassung der Vorfahren des Welpen etc.

Somit sind Angebote im Internet und auf „Hundemärkten“ vielfach sogar betrügerisch. Und nein!, dies ist kein wohlfeiles Ablenkungsmanöver meinerseits – dies ist das Kernproblem: der organisierte illegale Tierhandel als einer der lukrativsten Schwarzmärkte Europas und darüber hinaus.

Das Problem der Übertypisierung

Aber kommen wir nochmal zur Verantwortlichkeit der Rassehundezuchtvereine: Die derzeitige Übertypisierung bestimmter Rassen ist leider nicht nur ein nationales Problem, sondern ein internationales. Auch die Rassehundezucht entwickelt sich nicht nur innerhalb der Grenzen eines Landes, sondern im internationalen Vergleich. Die Niederlande werden bald erkennen, dass ein Zuchtverbot nichts bewirken wird: Zwar ist die kontrollierte Zucht beendet, aber die Fans der von diesem Zuchtverbot betroffenen Hunderassen kaufen sich übers Internet weiterhin die übertypisierten Welpen aus dem bandenmäßigen Hundehandel, und das Leiden geht trotz Verbotsaktivismus sogar verdoppelt weiter.

Ich habe auch keine Patentlösung für das Problem der übertypisierten Zucht. Das Hauptaugenmerk muss allerdings auf den Käufern liegen, denn die Mehrheit der Hunde wird eben nicht bei Züchtern gekauft, die unter dem Dach von FCI/VDH züchten, d.h. die ihre Arbeit von Rassehundezuchtvereinen kontrollieren lassen. Wer diesen Schluss aus der Reportage zieht, ist schwer auf dem Holzweg. Vor allem geht es um europaweit agierende kriminelle Strukturen, die sich die Wünsche der Kunden zunutze machen und mit oft widerwärtigen und illegalen Praktiken enorme Erlöse erzielen. Und die wirklich zu bekämpfen offenbar noch immer der politische und gesellschaftliche Wille fehlt.

Liebe Frau Boeff, ich bin mir sicher, wenn sie an den richtigen Stellen gebohrt hätten, wären Sie auf dieses ungeheuerliche Problem gestoßen und Sie hätten sich wahrscheinlich mit noch mehr Elan auf die Enthüllung dieser schrecklichen Praktiken gestürzt. Denn ich schätze Sie eigentlich nicht so ein, dass Sie den bequemen Weg wählen und den Billigheimern folgend auf die „geldgierigen Rassehundezüchter“ eindreschen, weil Ihnen das schmutzige Geschäft des Hundehandels zu gefährlich ist.

Ja, die Zuchtverbände unter dem Dach von FCI und VDH müssen Stellung beziehen und erkennbar in die Puschen kommen. Der Standard z.B. des Mopses besagt schließlich nichts über die konkrete Nasenlänge. Und um ein bekanntes Bonmot von Frau Dr. Helga Eichelberg, Vorsitzende der Gesellschaft für kynologische Forschung e.V., zu zitieren: wenn „kurz“ gut ist, ist „kürzer“ nicht automatisch besser. Das betont Frau Eichelberg, langjährige Züchterin und langjährige Referentin für Seminare für den VDH und andere Rassezuchtvereine immer wieder, und damit steht sie nicht allein!

Wege aus der Misere

Es gibt Möglichkeiten einzuwirken – auf den Modetrend bei den Fans von Mops & Co (Öffentlichkeitsarbeit tut not!) und auf die Entwicklung des Erscheinungsbildes einer Hunderasse. Das geht allerdings nur in der Zusammenarbeit aller Beteiligten, Züchter und Zuchtrichter. Seit 2009 werden Fitnesstests bei der Zuchtzulassung vorausgesetzt und die Forschung zu den Ergebnissen der Tests sorgt für eine Weiterentwicklung dieser Tests.

Auch wenn Hunde mit krankhaften (!) Merkmalen (ob sie nun im Moment der Bewertung fit sind oder nicht!) konsequent schlechte Bewertungen in Ausstellungen erhalten oder disqualifiziert werden und bei Körungen gar nicht erst zur Zucht zugelassen werden, wird sich etwas bewegen. Zumindest in Deutschland. Aber einen solchen Sonderweg müssten die Züchter als Mitglieder der Rassehundezuchtvereine gemeinsam beschließen.

Von einem allgemeinen behördlichen Zuchtverbot halte ich angesichts des globalisierten Hundehandels überhaupt nichts. So schaffen wir nur neue Bürokratie, die am eigentlichen Problem vorbeigeht.

Im übrigen hab ich gut reden, da ich keine Brachyzephalen züchte. Aber das Problem der internationalen Geschäftemacherei von Vermehrern und Hundehändlern betrifft jede Rasse. Diese steuerfrei im Dunkeln operierende Branche profitiert leider von der weitverbreiteten Ansicht, dass jemand „doch keine 500 Euros fürn Welpen auslegen will“ (Zitat eines Welpeninteressenten aus einer e-Mail an mich). Menschen, die so denken, mögen sich bitte die Zeit nehmen, um sich bei einem Züchter, der diese Bezeichnung verdient, umzuschauen und sich zeigen und erklären zu lassen, warum Welpen aus kontrollierter Zucht nur zu vierstelligen Beträgen den Halter wechseln.

 

Das Titelbild stammt von Gustav Mützel (1839–1893), abgedruckt in der Zweiten Auflage von Brehms Thierleben (1876–1879). Es stellt den Mops dar, wie er damals typisch war: kompakt mit kurzem Kopf und „Kindergesicht“, neugierig und munter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.