Gib mir!

Eine der treibenden Kräfte für die (Weiter-) Entwicklung von menschlichen Sprachen ist Faulheit. Genauer gesagt, Mundfaulheit. Das fängt im Kleinen an, zum Beispiel wenn ein Vokal vor einem nasalen Laut zu näseln beginnt.1 Im Großen verlieren wir manchmal ganze Fälle, weil dem kann man auch so sprechen, ohne dem Genitiv.2 Am Ende ist es ein grunddemokratischer Prozess und die Faulheit der Vielen siegt immer über den Perfektionismus der Wenigen.3 Und wer sind schon die Menschen im Rudel, sich gegen eine solche Übermacht zu stellen?

Als der Rülpe noch ein Welpe war, lernte er, den Menschen vor dem Abbeißen von Fingern dem Futtern eines Leckerlis in die Augen zu schauen. Das war, es ist noch nicht so lange her, gut eingespielt und der Welpe duldete eine klare Distinktion zwischen Blick nach oben und Leckerlifressen. Im Laufe der Zeit – man hat es ja immer eilig und muss zudem all die täglichen Kleinigkeiten im Kopf behalten – schliff sich das zu einem fixen Naseheben, gern auch in Richtung Ellenbogen, ab. Wieder ein paar Monate später hat der Welpe die Geste zu zwei Mal Nase heben verschmolzen. Es bedeutet “gib mir!”.4

Herrchen futtert saftige Erdbeeren? Gib mir! Frauchen trägt Naschis in Richtung Obergeschoss? Da kann man sie auf der Treppe stellen und sehr eindeutig “gib mir!” machen! Wenn das Dummerli es nicht versteht, ist man wenigstens schon fast auf der Höhe der Kalorien. “Gib mir!” ist hier eine häufig gebrauchte Vokabel von Rülpenseite, denn er hat nicht nur Sisko sehr gut zugehört, sondern wird auch chronisch unterfüttert. Deswegen positioniert sich der Rülpe seit neuestem vor dem Kühlschrank oder Herd und hebt zwei Mal rasch hintereinander die Nase…

Leider gibt’s keine Bilder vom “gib mir!”, sondern nur vom “da, hast du.”

  1. Klassisches Beispiel im Deutschen: Wer wirklich Gold sagt, darf sich nicht angesprochen fühlen. Der Rest von uns Bauern goltet weiter schlunzig vor sich hin.
  2. Und noch so ein Trigger für die Sprachpolizei, SVO statt SOV im kausalen Nebensatz. Na, kommt schon Dampf aus den Ohren?  Keine Sorge, es hört gleich auf.
  3. Außer in Frankreich, da ticken die Uhren noch zentralistischer. Glücklich sind die paar Restsprecher von so schönen Sprachen wie dem Bretonischen oder Okzitanischen aber mit Artikel 2 der Verfassung nicht.
  4. Mit Ausrufezeichen, das Ausrufezeichen ist essentiell.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.