Wie in alter Zeit

Frühmorgens, besonders gerne am Wochenende und dann besonders gerne sehr früh morgens, muss der Welpe auf’s Klo. Die schlaftrunkenen Menschen agieren mitnichten so fix, wie er es sich dann wünschen würde und er hat einiges damit zu tun, die Gassigänger in Schwung zu bringen. Sobald die Menschen später aber zu einer schönen Tour aufbrechen wollen, rächt er sich. Dann lässt er die Menschen mal tanzen und arbeiten, um ihn in Schwung zu bringen. Als das Frauchen eines Sonntags zum drölften Mal mit der Leine klimperte und bittebitte machte, verschwamm plötzlich ihr Bild und durch einen grauflimmrigen Schleier wurde sie in die Zeit ihrer früheren Inkarnation transportiert…

Die Sonne brannte unerbittlich auf die gedrungenen Lehmhütten am Rande des kleinen, nahezu ausgetrockneten Flusses. An den flachen Ufern und weit bis hinein in die Steppe waren Felder und Dattelhaine angelegt worden, die dank eines pfiffigen Kanalsystems der Trockenzeit zu trotzen versuchten. Im Zentrum der Siedlung, in einem besonders reich verzierten Gebäude, dessen Eingang mit mächtigen Stämmen aus libanesischer Zeder gesäumt war, vermischte sich hektisches Flüstern mit dem Geräusch scheppernden Metalls. Eine verhuschte, weibliche Gestalt in hellem Leinen trat in die Mittagssonne und rückte ihren Schurz zurecht. Die Lederschnüre, die sie bei sich trug, arrangierte sie elegant auf einer Bronzeplatte, sprenkelte duftende Jasminblüten darüber und schickte sich an, die 144 Stufen des Tempelbergs zu erklimmen, der sich dräuend hinter dem Haus der Zedern erhob.

Bubsduk-El und seine Ascherah, zwei überlebensgroße, wolfsähnliche Gestalten, aalten sich schlaftrunken auf bestickten Kissen. Bubsduk-El, Gott allen Schabernacks und Herr des Dorfes, lag rücklings an seine schwarz-weiße Gefährtin gelehnt. Sein Pelz in der Farbe gerösteter Schafsköpfe wogte sich sachte unter seinen mächtigen Atemzügen. Exotische Jünglinge spendeten ihnen mit großen Fächern Schatten, Weihrauchschwaden rahmten aus riesigen Feuerschalen ihre Warte. Im Hintergrund zupften zwei halbnackte Schönheiten gelangweilt auf Winkelharfen und priesen in wohlgeformten Zeilen die Macht ihrer Meister. Die kleine Priesterin wischte sich behände den Schweiß von der Stirn, während sie sich kriechend ihren Göttern näherte.

„Oh großer Bubsduk-El, mein Herr, Deine unterwürfigen Untertanen huldigen Dir! Bringen wir nicht Opfer und salben wir deinen Leib nicht mit den feinsten Ölen? Kämpfen wir nicht gegen deine Feinde und mehren deinen Ruhm? Siehe, unsere Felder sind trocken und die Früchte der Felder klein und hutzelig. Gib uns Deinen Segen, Oh Bubsduk-El, begleite mich nach unten und schreite durch Dein Reich!“ Bubsduk-El räkelte sich an seiner Ascherah, die müde eines ihrer eisblauen Augen auf die Priesterin richtete.

„WURM. OPERE UNS.“, dröhnte sie.

Unter viel Jajaselbstverständlichnatürlichsofort kroch die Priestern wieder rücklings vom Tempel und schickte sich an, die letzten verbliebenen Opfergaben zusammenzusuchen. 144 Stufen später erschien sie in Begleitung ihrer Mägde, mit schwer beladenen Bronzeplatten in den Händen, von Schweiß und keuchendem Atem gezeichnet. „Oh, großer Bubsduk-El, wir bringen Dir Köstlichkeiten aus der Tempelküche!“, japste sie. Siehe, es gibt süße Datteln, frisch von Deinen Feldern, und wir haben Bier, auch Eselsmilch und Fladenbrote!“ Bubsduk-El, kräuselte seine Stirnfalten. Unter seinen weißen Brauen loderten gravitätische Augen, gewitzt, kapriziös und jadegrün. Er schnüffelte interessiert an den Gaben und schielte fragend zu seiner Ascherah.

„WURM. IST DAS ALLES?“, dröhnte sie.

„Oh, mächtige Ascherah, Ursprung allen Lebens und Mutter der Flüsse, doch, das ist alles, was noch da ist. Zicklein ist aus, Ihr habt die letzten Stücke gestern gefressen. Ich kann Euch leider kein Blutopfer darbringen, die Tempelpferche sind leer… bittebitte fresst Eure treue Dienerin nicht! Vielleicht etwas Geselchtes?“ Die Priesterin bot ein Stück Schinken an, das die Ascherah zögerlich schnüffelnd, aber trotz der schillernden Farben auf dem alten Stück Fleisch hungrig annahm. Bubsduk-El robbte derweil zu einer mit Ziegenfrischkäse beladenen Platte und fraß, wie nur Götter fressen können. Mit vollgestopften Backen schleckte er zufrieden sinnierend die erste Platte leer und machte Zeichen, dass man ihm das nächste Tablett unter die Schnauze halten solle.

Nein, dachte die mittlerweile schon sehr ängstliche Priesterin, wir dürfen nicht zulassen, dass er unsere letzten Vorräte frisst, ohne über die Felder zu gehen! Sie fasste sich ein Herz, riss der Magd die Platte mit Käse aus der Hand und bewegte sich damit langsam rückwärtskriechend die Stufen zum Tal herab. Bubsduk-El und seine Ascherah erhoben sich majestätisch und folgten träge der Käsespur. Als alle Platten leer und die Knie der kleinen Priesterin blutig geschürft waren, kam die seltsame Prozession im Dorf an. Die Gottheiten schüttelten ihren Pelz und trotteten gebieterisch in Richtung Felder, wo die Früchte der Erde nach ihrem Segen dürsteten. Die kleine Priesterin brach unter einem Seufzen an einer Zedernsäule zusammen und stieß Dankgebete zu den Göttern.

… Na prima, dachte das Frauchen als die Vision vorbei war. Nichts Neues unter der Sonne. Sie ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Eilige Hundepfoten tapsten in freudiger Erwartung von Quark in Richtung Haustür.

 

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